15.4.09

"Die intelligentesten Lebensformen des Planeten"

Pilzforscher Dimitri Raduscencu über seine erste Begegnung mit dem weißen Scheibling, fungusfundierte Raumfahrttechnik und die Energie der Zukunft


Herr Professor Dr. Dr. fung. Dimitri Radu...

Sie dürfen gern Dimitri sagen!

Das ist sehr freundlich. Also, Dimitri, Sie sind eine Koriphäe im Bereich der Fungologie und ein Vordenker der fungologisch fundierten Raumfahrttechnik. Wie kamen Sie eigentlich zur Pilzforschung?

Wenn ich so zurückdenke, würde ich sagen, zwei Begegnungen waren besonders ausschlaggebend. Die erste fällt in meine Kindheit, ich war etwa vier. Da fand ich im Wald einen weißgärigen Scheibling und nahm ihn mit nach Hause. Das ist ein Pilz, der eigentlich nur in den Karpaten wächst. Ich aber wohnte in Piz, das liegt mehrere hundert Kilometer entfernt östlich des Gebirges. Mein Vater arbeitete als Staatsbiologe an einem geheimen Schmetterlingsabwehrsystem. Als ich ihm den Scheibling zeigte, war er völlig perplex und nahm ihn gleich an sich mit dem Argument, er sei Volkseigentum. Ein paar Tage später gab er mir den Pilz zurück und verriet mir, es könne nur eine Lösung geben, wie der Pilz zu uns in den Wald gelangt sei: Er müsse geflogen sein. Wie, das sagte er mir nicht. Ich musste versprechen, dass ich bis zu seinem Tod niemandem davon erzählen würde, und der Pilz landete abends in der Suppe, bevor ich ihn noch weiter untersuchen konnte.

Mysteriös. Das hat natürlich Ihre Neugierde geweckt.

Ja, aber weil die Sache auch schmerzlich war dadurch, dass ich den Scheibling ja selbst verzehrt habe, geriet das Ganze erstmal in Vergessenheit. Es passiert ja oft, dass Kindheitstraumata ins Unterbewusste rutschen, damit man nicht daran zerbricht. Bis ich in die Pubertät kam, dachte ich kaum noch an Pilze. Ich weigerte mich nur, sie zu essen, das war das einzige Anzeichen, dass da mal was passiert war.
Aber dann gab es ein Erlebnis ästhetischer, poetischer Natur, das den Pilz wieder in mein Bewusstsein zurück holte: Mit etwa vierzehn Jahren, ich war auf der Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen, so wie man das als junger Mensch eben ist, besuchte ich ein altes, schön muffig nach Schimmel und Moder riechendes Antiquariat bei uns in Piz. Der Besitzer war ein Liebhaber von romantischer Literatur, in der die Natur eine wichtige Rolle spielt. Eines Tages fand ich dort ein vergilbtes, schon leicht angegammeltes Buch über die südindische Tradition der Fungallyrik. Die Gedichte berührten mich sofort, ihre Schönheit und der Eindruck tiefer, uralter Weisheit, den sie vermittelten - dass der Pilz mehr ist, als nur Zutat für Ragouts. Pilze sind mit die intelligentesten Lebensformen auf unserem Planeten. In Indien ist das Wissen über diese ästhetisch und technologisch ausgefeilte Kreatur noch nicht verloren. Dort gibt es auch Fungayi, den Gott der Pilze. Er sieht aus wie ein riesenhafter Phallus, was seine Macht symbolisiert. Mit dem Buch kam auch die Erinnerung an den Scheibling zurück, und von da an war klar: Ich würde in die Pilzforschung gehen.

Nun haben Sie ja kürzlich eine bahnbrechende Entdeckung gemacht, die möglicherweise eine fungalfundierte Raumfahrt ermöglichen wird.

Richtig. Die Frage, wie der kleine Scheibling zu uns geraten sein könnte, trieb mich ein Leben lang um, und im letzten Jahr machte ich dann die entscheidende Entdeckung: Ich entdeckte, dass sich an der Wurzel des Karpaten-Scheiblings bestimmte Eiweiße in kleinen Knöllchen sammeln. Das sind vor allem die Polypeptide Ppt 637 - Ppt 652, die bei schon bei Temperaturen zwischen -8 und plus 20 Grad gerinnen und durch Temperaturwechsel Energie generieren. Zum Vergleich: Hühnereiweiß gerinnt erst bei etwa 90 Grad. Die Pilze werden dadurch zu kleinen Kraftwerken, deren Energieeffizienz bei bis zu 85 Prozent liegt. Bei starken Temperaturschwankungen generieren die Pilze soviel Energie, dass sie sie nicht mehr verarbeiten können. Sie zünden und heben ab. So kam der Scheibling auch aus den Karpaten zu uns: Wie eine kleine Rakete.

Und mit dieser Technik wollen Sie jetzt zum Mond?

Wir prüfen gerade, ob das möglich ist. So wie es gerade aussieht, ist das Energielevel, der zur Zündung führt, bereits so hoch, dass wir wohl gleich zum Mars müssen. Die Technologie funktioniert so, dass an der Trägerrakete, die das Raumschiff ins All katapultiert, eine ganze Kolonie von Scheiblingen angebracht wird. Diese natürliche Batterie wird mithilfe künstlicher Energieschwankungen über mehrere Tage aufgeladen. Schließlich ist der Punkt erreicht, wo die kleinen Kraftwerke zünden. Aber dann ist der Schwung so stark, dass man eben am Mond vorbeisaust. Wir prüfen noch, ob sich das so einstellen lässt, dass der Schub nicht ganz so heftig erfolgt.

Welche weiteren technologischen Innovationen könnte der Scheibling bringen?

Oh, er könnte praktisch die gesamte Energieversorgung des Planeten sichern - wenn wir einen Weg finden, seine Energie irgendwie zu extrahieren. Für die Raumfahrt wollen wir ja den Zündungsmechanismus nutzen, das ist also eine direktere Art, den Pilz einzusetzen. Aber wenn der Pilz ganze Städte mit Energie versorgen soll, dann müssen wir versuchen, seine Vorräte anzuzapfen, bevor er abhebt. Wenn das geschafft ist, müsste man ihn nur noch genetisch so modifizieren, dass er auch in der Sahara, der Antarktis und dem Pazifik lebensfähig ist. Weltweit würden wir saubere Pilzkraftwerke einsetzen und so den Planeten vor dem Kollaps retten können.

Herr Radu...Dimitri, wir danken Ihnen herzlich für dieses hochinteressante Gespräch.

Prof. Dr. Dr. fung Dimitri Raduscencu lehrt Fungologie an der biologischen Fakultät der Universität Bukarest. Sein kürzlich erschienenes Buch "Der Pilz der Zukunft" wurde vom Nature Magazin zum besten Titel in der Sparte "Natürliche Innovationen" gewählt.

Weitere Artikel zur Forschung von Dimitri Raduscencu:
"Kraftwerk Ppt 637-652", in Eigenhund, 10.03.09
"Transanimale", in Eigenhund, 14.03.09
"E-Mail-Nummer", in Eigenhund, 24.03.09